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„Du hast jeden Tag sieben Stunden Schule und weißt nicht, dass ich als Kind niemals täglich sieben Stunden hatte, in keinem einzigen Schuljahr. Dass ich nachmittags allenfalls vor dem Abitur so viel gelernt habe wie Du jetzt in der fünften Klasse, und niemals auf dem Weg ins Kino.“
„Unser Leben ist voller Reichtum und Mangel zugleich. Es gibt so viel Essen, dass wir die Reste wegwerfen. Nichts ist richtig knapp, außer manchmal Klopapier. Doch was uns fehlt, ist Zeit. Jedenfalls glauben wir das.“
„Irgendwann haben wir Deutschen gemerkt, dass die Kinder in anderen Ländern noch schneller lernen als unsere. … Da hat uns die Angst gepackt. … Bevor die uns einholen, beeilen wir uns auch.“
„Ich hatte lange gedacht, dieses Demografieproblem werde Dein Leben als Erwachsene prägen. Jetzt bestimmt es schon Deine Kindheit. Denn wer früher die Schule verlässt, kann länger arbeiten.“
„So kommt ein kleiner Raub an Freizeit und Freiheit zum anderen, jeder für sich kaum der Rede wert. … Kinder sagen ihre Teilnahme an Geburtstagsfeiern ab. Sie treten aus Sportvereinen und Chören aus.“
„Hartmut Rosa sagt, er macht sich Sorgen, weil Eure Kindheit so »vernutzt« ist. … Den schönsten Augenblicken der Kindheit geht die Langeweile voraus. Wer Langeweile hat, kommt auf die verrücktesten Ideen. … in denen ich meine Seele spürte. In denen ich lernte, mich selber zu ertragen.“
„Ich habe immer Zeit. Und es ist immer Sommer. Ein größeres Kompliment kann die Erinnerung der Kindheit nicht machen.“
„Erfahrung entsteht nur beim Gehen von Umwegen, heißt es. Ich hatte Zeit, um Zeit zu verschwenden! Mich zu irren. Fehler zu machen. In eine Sackgasse zu laufen und wieder zurückzugehen.“
„Es muss Nachmittage geben, an denen nichts im Terminkalender steht. Oder an denen NICHTS! im Terminkalender steht.“
„Wird Dir jemals ein Lehrer erzählen, dass das Wort Schule aus dem Griechischen stammt und eigentlich »freie Zeit« bedeutet?“
„Warum wird das Buch einer verkniffenen chinesisch-amerikanischen Mutter, die über das Drillen ihrer Töchter schreibt, in Deutschland ein Bestseller? Wieso beschäftigen wir uns ernsthaft mit dieser Frau, die ihren Töchtern droht, die Stofftiere zu verbrennen, wenn sie faul sind? Woher kommt unsere Globalisierungsangst?“
„Der Pädagoge Andreas Gruschka sagt: »Es kommt nicht mehr Saft aus einer Zitrone, wenn man mehr presst.« Gruschka selber ist zweimal sitzen geblieben und trotzdem Professor geworden. … Ihr paukt zwar viel, aber Ihr habt nicht viel davon. Euch fehlt die Zeit, wirklich zu kapieren, was die Lehrer Euch erzählen.“
Kinderarzt Stefan Trapp … »Früher hatten Kinder Kopfschmerzen, weil sie eine Brille brauchten. Heute, weil sie beim Gedanken an die Schule mittlerweile die Gefahr des Scheiterns mitdenken.«“
„»Die Rolle des Gymnasiasten als Sorgenkind ist neu«, sagt Trapp. Gymnasiasten sind seltener dick, essen meist gesünder und prügeln sich kaum. »Aber die Schulzeit ähnelt immer mehr einer anspruchsvollen Bürotätigkeit – kein Wunder, dass sich auch die Krankheitsbilder ähneln.« Wie sollen Jugendliche mit Anforderungen fertigwerden, an denen Erwachsene scheitern?“
„Es bedeutet, Klassenarbeiten sollen nicht nur helfen, herauszufinden, welcher Schüler wo Schwächen hat – um dafür zu sorgen, dass es beim nächsten Mal besser klappt. Nein: Sie sollen auch helfen, die Schwächsten zu finden und auszusortieren. Deine Lehrerin hat nicht gesagt, es gehe ihr darum, alles zu tun, »damit« Kinder Schritt halten können. Sondern zu prüfen, »ob«. Meine Lehrer hätten so etwas nie gesagt, selbst wenn sie heimlich so dachten.“
„Das Gerede von der »Luft im System« ist gefährlich, Marie. Man kann so lange sagen, es sei »Luft im System«, bis keine mehr da ist. Wir haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen.“
„Wenn Bildung hieße: mit Wissen vernünftig umgehen. Der Schriftsteller Erich Kästner, von dem Du Das doppelte Lottchen kennst, hat das viel schöner gesagt: »Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.«“
„Wir haben Eure Lebensläufe begradigt wie die Flüsse. Wo wir noch mäandern konnten, uns treiben ließen, rauscht Ihr geradeaus durch. … Ich habe nicht nur Mitleid mit Euch als Kindern. Ich habe auch ein bisschen Angst vor Euch als Erwachsenen.“
„Ich bin zornig, weil wir Eure Kinderzimmer zu Büros gemacht haben, Eure Schreibtische zu Werkbänken, Eure Köpfe zu Lagerhallen.“
„Ich hoffe fast, dass Du diesen Brief inzwischen zur Seite geschoben hast und irgendwo Waveboard fährst, weil Du das Geschreibsel hier dröge findest und sowieso Quatsch ist, was von den Eltern so kommt.“
„Du sollst wissen, dass Du mehr bist als die Summe deiner Leistungen. Du sollst wissen, dass Depression keine Kinderkrankheit ist. Du sollst wissen, dass die Schulzeit mehr sein sollte als ein Trainingslager fürs Berufsleben. Du sollst wissen, dass die Gesellschaft an denen wächst, die sie infrage stellen.“
„Und Du sollst wissen, dass ich Dir das gestohlene Jahr zurückgeben möchte. An jedem Tag, an jedem Wochenende – und nach dem Abitur. Am besten kein Auslandsstudium. Kein Sommerseminar. Sondern einfach eine Reise ohne Weg und ohne Ziel. Denn wenn Du Deine Seele bis dahin nicht in einem Klassenzimmer gefunden hast, wirst Du sie auch in einem Hörsaal nicht finden. Aber vielleicht tief in einem finnischen Wald, mitten in einem äthiopischen Dorf oder auf der Sitzbank eines amerikanischen Überlandbusses. Irgendwo, irgendwann, wenn Du es nicht erwartest. Und ich hoffe, dass Du mich dann, wenn es losgehen soll, nicht mitleidig anschaust und sagst: »Das ist doch reine Zeitverschwendung.«“